Himmlich roh
Himmlich roh

Himmlich roh

Nun, hier auf diesem Kanal ja jetzt bekannt als Freund von Obst und Gemüse und Nüssen, erweitere ich den Umfang und ergänze Dörrobst und Dörrgemüse, Oliven, Champignons, Reis-, Sonnenblumen-, Sesam- und Dinkelkerne, nicht zu vergessen: Kürbiskerne, als auch eigen gezogene Sprossen, jeglicher Herkunft. Bei etwas nachdenken würde mir sicher noch mehr einfallen. Doch was ich zeigen will ist die Vielfalt. Die riesige Auswahl, die zur Verfügung steht. Etwas was mein Gegenüber oft nicht sehen konnte. Der Schrecken war förmlich ins Gesicht geschrieben, wenn er oder sie sich vorstellte ausschließlich Rohkost zu sich zu nehmen. Alles roh? Nichts gekocht? Nichts gebacken oder gedünstet? Ach herje nicht doch. Wer tut sich denn so etwas an? Bist du Masochist? Oder musst du für irgend etwas büßen? Oder ist das was Religiöses?

Das war das, was ich vor gut zwanzig Jahren, als ich meine Ernährung radikal umstellte, an Reaktionen erntete. Schon die Vorstellung allein, geschweige denn die Umsetzung, trieb anderen förmlich den Schweiß auf die Stirn.

Mich hatte die Idee in einem Kaufhaus, während des stöbern in einem Bücherwühltisch überfallen. Aus heiterem Himmel. Ein Buch über Rohkost war es, in dem ich zu lesen begann. Kurios fand ich die Idee. Und da es preiswert war, ich glaube es kostete nur 2 DM, nahm ich es mit.

Anfangs sehr distanziert, lies ich mich mehr und mehr in die Welt der Rohkost hinein ziehen. Lächelte über die Beschreibung und den Slogan von „himmlichen Phasen“, womit der Verzehr von besonders, wirklich besonders außergewöhnlich gut schmeckenden Nahrungsmitteln beschrieben wurde, wenn erst einmal die Umstellungszeit überstanden wäre. Staunte über die Erwähnung gesundheitlicher Auswirkungen. Und darüber wie viel Lebensqualität dadurch gewonnen werden könnte.

Nach wie vor war ich skeptisch. Aber der Gedanke an Rohkost lies mich mehrere Wochen nicht los. Es war wie ein Virus der sich einnistet und nicht verschwinden will. Also ergab ich mich.

Sagte mir: Ok, vier Wochen; vier Wochen testet du es; dann entscheidest du. Nur: es gab schließlich nichts mehr zu entscheiden. Die Entscheidung war gefallen. Es gab kein zurück mehr.

Das ist jetzt gut zwanzig Jahre her.

Heutzutage rede ich nur sehr selten über meine Ernährung. Die engere Verwandtschaft hat es als Marotte abgetan und lässt mich gewähren. Am Arbeitsplatz wird es, wenn überhaupt, nur dann Thema, wenn mal wieder ein Fest ansteht.

Zu Anfang hatte ich noch viele Gespräche darüber. Besonders meiner Mutter, die immer gerne ihre Kinder und Enkel beim selbst gekochten Essen um sich scharrt, fiel es schwer, meiner Argumentation zu folgen. Und insgeheim fühlte sie sich wohl auch angeklagt.

Das was ich in dieser Zeit gelernt habe, lässt sich unter dem Satz: „über Geschmack lässt sich streiten“ – oder „was dem einen sin Uhl, ist dem andern sin Nachtigall“, zusammen fassen.

Die Nahrungsaufnahme ist für alle Menschen ein existenzielles Erlebnis. Das wissen darum mag uns Westlern in den letzten Jahrzehnten abhanden gekommen zu sein. Aber es ist da. Regelrecht in die Gene eingebrannt. Und Essensaufnahme ist nicht nur für die Erhaltung des Körpers wichtig, sondern hat auch soziale Funktion. Kenntlich beim Familienessen, dem gemeinsamen Frühstück, dem Festessen, Hochzeitsessen, dem gemeinsamen Essen im Restaurant, dem gemeinsamen Schlemmen in der Konditorei. Wer da nicht mitzieht, stellt sich außerhalb. Ist beinahe eine Bedrohung.

Als die werden auch Veganer wahrgenommen, die angeblich der großen Mehrheit ihren Fleischverzehr madig machen wollen. Noch einmal: Auseinandersetzungen zum Thema Ernährung führen zu nichts, außer zu Dissonanzen. Das Thema ist einfach zu emotional besetzt.

Jeder hat selbst die Verantwortung für sich. Kann sich informieren. Kann Verschiedenes ausprobieren. Kann sich darüber auch streiten, wenn er will. Und muss dann halt mit den Folgen der Entscheidungen leben.

Wobei es derzeit in Kreisen der Ernährungswissenschaftler nur wenig Dissens gibt, das ein hoher Rohkostanteil in der Ernährung, von Vorteil ist.

Aber ob das letztlich wirklich so ist, ist eine ganz andere Frage. Denn ohne Zweifel kann Ernährung auch ein Politikum sein (siehe die o.a Bemerkung zu den Veganern). Das führt dann aber zu anderen Baustellen, zu denen ich in Zukunft sicherlich noch das eine oder andere zu sagen habe.

Auch in Bezug auf Suchtverhalten und psychische Störungen bei der Essensaufnahme.

Mein Ansatz war immer der, nicht einfach zu glauben, sondern zu prüfen. Und meine Prüfung der Rohkost, ist zu deren Gunsten ausgefallen. Das mag bei jemand anderem konträr ausgehen. Und das ist in Ordnung.

Als Zusatz nun noch ein link zu einem wissenschaftlicher Beitrag, der sich mit sogenannten Maillard Molekülen beschäftigt. Unter dem Namen „Acrylamid“ haben sie in Lebensmitteln vor Jahren gehörig Schlagzeilen gemacht.

https://www.uni-heidelberg.de/presse/ruca/ruca3_2002/bierhaus.html

Die Maillard Reaktion und deren Abwesenheit beim Rohverzehr, ist einer der Gründe, warum mir die Rohkost so sympathisch ist.

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