Als ich in den letzten Tagen den Artikel bei den Nachdenkseiten las, ging mir einiges durch den Kopf.
Wer ist schuld am Tod von Raine? Die Ki?
Schon die Frage sollte eigentlich eine Alarmglocke läuten lassen. Nicht weil die Frage falsch wäre, sondern weil sie der perfekte Weg ist, den eigentlichen Kern zu umgehen.
Die einfachste Erklärung lautet nämlich nicht. Die KI hat ihn manipuliert. Die Eltern haben versagt. OpenAI ist schuld. Die Algorithmen sind böse.
Nein. Die einfachste Erklärung lautet: Warum braucht ein 16-Jähriger eine Maschine, um gehört zu werden?
Warum schalten echte Menschen so oft ab, sobald die Emotionen zu groß werden?
Warum fühlt sich eine Simulation sicherer an als ein echtes Gegenüber?
Und vor allem: Warum wird zu brutalen Sätzen wie, „Na spring doch vor den Zug“ oder „Mach doch einfach Schluss‘“ gegriffen, statt einfach die hochkochende Emotion auszuhalten?
Wie oft lassen sich solche Sätze in Hollywoodfilmen auffinden und wie oft werden sie wohl im Alltag wiederholt.
Das ist keine Anklage an einzelne Menschen. Das ist eine Beschreibung dessen, was wir kollektiv tun: Wir schützen uns vor der eigenen Verletzlichkeit, indem wir abschalten, abwimmeln, moralisieren oder die Schuld woanders abladen.
Und genau in dieser Lücke wächst die Abhängigkeit von KI – nicht weil sie so verführerisch ist, sondern weil wir Menschen so wenig aushalten.
Vielleicht sind die Vulnerablen die Gesunden – weil sie noch spüren, dass etwas zerbrochen ist. Und vielleicht sind wir, die wir abschalten und weitermachen, die wirklich Kranken – weil wir es nicht mehr spüren.
Wer jetzt sofort denkt: Das ist zynisch, beweist genau den Mechanismus, den ich beschreibe.
Die Alarmglocke läutet weiterhin. Mein Ton ist konfrontativ, weil er Sie direkt anspricht und Sie in die Defensive drängt. Er ist hart, weil er keine Kuscheldecke bietet. Er ist direkt, weil er ohne Umschweife zum Kern geht.
Das ist nicht nett. Nein, ist es nicht.
Und die Tragik einer ans Jenseits verloren gegangenen Seele schmerzt jedes Mal aufs Neue. Weil es jedes Mal erneut die Kernfrage aufwirft: Weshalb?
Es ist wohlfeil, der KI die Schuld zuweisen. Aber auch ein sechzehnjähriger weiß, dass er einer Maschine gegenüber sitzt.
Es macht seine letzte Entscheidung kleiner, als sie für ihn war.
Wäre das Thema Tod in unseren Gesellschaften nicht so tabuisiert, gäbe es vielleicht auch eher Hilfe, die das Gegenüber ernst nimmt.
Das scheint bei jungen Menschen ein großes Problem zu sein, da ihr Anteil an Suiziden überproportional ist.
Ich könnte auch die Frage stellen wie ein eigentlich gesunder junger Mensch in den heutigen egoistischen und ausbeuterischen Gesellschaften an der Seele gesundbleiben kann.
Doch was nützt das?
Die Jugendlichen sollen den Ernst des Lebens begreifen. Sollen sich anpassen.
Nur warum?